ab3a6600

Zimtduft am Rande der EU und der etwas andere Blick nach Osten

Kaukasische Seelenruhe statt Schreibwut: Ein Festmahl bei Mimino

Gestern hatte ich spontan keine Lust mehr zum Blogschreiben – und schuld daran war ein absolut fantastisches Abendessen in einem georgischen Restaurant namens Mimino. Wer meint, im Baltikum gäbe es nur Kartoffeln und Fisch, wird von der georgischen Küche aufs Angenehmste eines Besseren belehrt.

Auf unserem Tisch landete alsbald eine Runde dampfender Pelmeni, eine herrlich aromatische Suppe und wunderbare Dolma – diese feinen Weinblätter mit Hack-Reis-Füllung, die man optisch zwar leicht mit den griechischen Dolmades verwechselt, die geschmacklich aber durch ganz andere Gewürze überraschen. Zum krönenden Abschluss gab es ein strammes 300-Gramm-Schaschlik, auf den Punkt gegrillt.

Die georgische Küche ist faszinierend bodenständig und tiefwürzig: Neben Zimt und Kardamom kommen reichlich Schabzigerklee (Utscho-Suneli), getrocknete Tagetesblüten (georgischer Safran), frischer Koriander, Knoblauch und gemahlene Walnüsse zum Einsatz. Nach so einem kaukasischen Festmahl lag die Betriebstemperatur eindeutig im Verdauungsmodus – da war an gepflegtes Tippen nicht mehr zu denken.

Inspektion am östlichsten Zipfel der EU

Tagsüber haben wir uns die russische Grenze in Narva angeschaut, der östlichsten Stadt Estlands. Wer hier mit Auto und Wohnwagen unterwegs ist, spürt hautnah, wo Europa endet: Narva liegt direkt an der Grenze zur Russischen Föderation, nur getrennt durch den gleichnamigen Fluss. Die Stadt markiert zeitgleich die Außengrenze der EU, des Schengen-Raums und der NATO.

Seit Anfang 2024 ist die Grenze für Fahrzeuge komplett gesperrt – Autos mit russischer Zulassung dürfen ohnehin nicht mehr in die EU einreisen. Für Fußgänger ist der Übergang zu bestimmten Zeiten jedoch weiterhin geöffnet und wird rege genutzt. Auch Buslinien zwischen St. Petersburg und Tallinn rollen noch: Die Passagiere müssen in Narva aus dem Bus raus, zu Fuß über die Grenzbrücke marschieren und drüben in Russland in den nächsten Bus steigen.

Die Situation wirkte vor Ort überraschend entspannt, obwohl die Sicherheitsvorkehrungen massiv sind. Panzersperren („Drachenzähne“) auf der Grenzbrücke und Zäune prägen das Bild. Es bleibt trotzdem ein leicht komisches Gefühl, direkt dort unterwegs zu sein. Wir waren auf unseren Reisen schon öfter an der russischen Grenze, aber noch nie so nah an einer dicht bebauten Doppelstadt.

Lese-Empfehlung am Straßenrand:

Wer die sicherheitspolitische Lage gedanklich vertiefen möchte, dem sei Carlo Masalas Buch „Wenn Russland gewinnt“ empfohlen. Der Politikwissenschaftler skizziert darin gewohnt nüchtern und prägnant die globalen Konsequenzen eines kollabierenden Sicherheitsgefüges in Osteuropa. Sehr aufschlussreiche Lektüre – erst recht, wenn man nur wenige Meter von den Betonsperren entfernt steht.

Zwei Festungen, Betonreiz und ein Hauch Kyrillisch

Narva und das direkt gegenüberliegende russische Iwangorod bilden fast eine Doppelstadt. Das sieht man besonders beeindruckend an den beiden Festungsanlagen: Auf estnischer Seite ragt die Hermannsburg empor, direkt gegenüber auf der russischen Uferseite thront die gewaltige Festung Iwangorod. Dass sich zwei so martialische Trutzburgen direkt ins Auge blicken, wirkt fast wie eine Kulisse aus einer anderen Zeit – besonders mit dem Grenzfluss dazwischen.

Ansonsten ist Narva ehrlich gesagt keine Schönheit. Als Industriestadt im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört, wurde sie im sowjetischen Stil wieder aufgebaut. Das Zentrum besteht im Wesentlichen aus dem Rathaus (auf dem unverändert die ukrainische Flagge weht) und langen Häuserzeilen aus unverputzten Ziegelbauten. Weiter außerhalb dominieren ziemlich verkommene Betonplattenbauten.

Auf den Straßen hört man fast ausschließlich Russisch. Ein höfliches „Пожалуйста“ (paschoulsta – Bitte sehr) gehört hier zum ganz normalen Ton und wird von den wenigen Touristen eher freudig belustigt als Sprachübung mitgenommen.

Zum Abschluss haben wir uns noch die Auferstehungskirche angeschaut – eine hübsche russisch-orthodoxe Ziegelkirche mit imposanter Kuppel und vielen Ikonen.

Mein Fazit zu Narva: Als zeitgeschichtlicher Anschauungsunterricht und Grenzbeobachtungspunkt absolut faszinierend – ein klassisches Reiseziel, das man unbedingt gesehen haben muss, ist es aber nicht.