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Tartu, frischer Fisch & das Phänomen der betreuten Campingfahrt

Räucherfisch-Parade am Peipussee

Auf unserem Weg Richtung Tartu ging es erst einmal ein ganzes Stück am Ufer des Peipussees entlang. Man stellt sich ja vorab oft einfach nur „einen See“ vor, aber das Teil ist schlicht riesig. Mit seinen gut 3.500 Quadratkilometern Fläche – was etwa siebenmal so groß wie der Bodensee ist – bildet er die natürliche Grenze zwischen Estland und Russland. Wenn man am Ufer steht, sieht man hüben wie drüben vor allem Welle und Horizont.

Bekannt ist der Peipussee vor allem für eines: seinen extremen Fischreichtum. Zander, Barsch und Maränen ziehen hier massenweise ihre Bahnen, und das spiegelt sich direkt an der Durchfahrtsstraße wider. Gefühlt alle paar hundert Meter stand ein kleiner Holzstand, an dem frischer oder über Erlenholz geräucherter Fisch feilgeboten wurde.

Einsamkeit auf dem Waide Camping – bis der Konvoi anrollt

Gestern ging es schließlich weiter nach Tartu, die zweitgrößte Stadt Estlands. Bei der Stellplatzsuche direkt in der Stadt bin ich allerdings schnell skeptisch geworden: Die urbanen Plätze bieten zwar kurze Wege, aber eben auch das klassische Stoßstange-an-Stoßstange-Gefühl. Enge an eng ist jetzt nicht unbedingt das, was wir uns unter entspanntem Camping mit dem Wohnwagen vorstellen.

Wir sind daher etwa 20 Kilometer außerhalb auf dem Waide Camping untergekommen. Und siehe da: Volltreffer. Am ersten Abend waren wir mal wieder komplett allein auf dem weitläufigen Platz. Später gesellte sich lediglich noch ein finnisches Wohnmobil zu uns – völlig tiefenentspannt.

Am Morgen änderte sich das Bild schlagartig: Eine deutsche Camping-Reisegruppe schlug auf. 15 Fahrzeuge, 30 Leute, durchorganisiert bis ins Detail. Da buchen Menschen tatsächlich eine geführte Wohnmobil-Rundreise und lassen sich im Konvoi von einem Guide durch das Baltikum lotsen. Ich habe mir das Spektakel beim ersten Morgenkaffee angeschaut und dachte mir so: Eigentlich ist das als Guide auch kein schlechter Job. Vorneweg fahren, den Weg zeigen und abends Anekdoten erzählen – muss ich mir direkt mal durchdenken 😉.

Akademischer Charme & gemütliche Gassen: Tartu im Portrait

Heute haben wir uns dann Tartu selbst vorgenommen. Wer bei „zweitgrößter Stadt des Landes“ an eine pulsierende Metropole denkt, wird schnell geerdet. Tartu hat rund 97.000 Einwohner und wirkt eher wie ein beschauliches, sehr gemütliches Städtchen. Allerdings hat es eine enorm reiche Geschichte: Bereits im 11. Jahrhundert erstmals erwähnt, ist Tartu die älteste Stadt des Baltikums und gilt bis heute als das geistige und akademische Zentrum Estlands.

Herzstück ist die berühmte Universität Tartu, die 1632 vom schwedischen König Gustav II. Adolf gegründet wurde. Das klassizistische Hauptgebäude mit seinen markanten weißen Säulen prägt das Stadtbild spürbar – überall sieht man Studenten, kleine Cafés und eine sehr entspannte Atmosphäre. Das Rathaus thront auf einem großen, langgestreckten Vorplatz, von dem aus eine nette Einkaufsstraße abzweigt.

Kirchentour mit Hindernissen (und unerwartetem Glück)

Ein Schwerpunkt unseres Stadtrundgangs lag auf den historischen Kirchen der Stadt. Jedes Bauwerk hat da so seine ganz eigene Note:

  • Johanneskirche (Jaani kirik): Ein Backsteinbau aus dem 14. Jahrhundert, der innen extrem einfach gehalten ist. Aber genau das hat echt was! Keine überladenen Verzierungen, sondern schlichte Eleganz. Ein sympathisches Detail: Auf den hölzernen Kirchenbänken liegen viele bunte Kissen ausgeteilt – das macht das Ganze gleich erstaunlich wohnlich.
  • St. Alexander-Kirche: Eine wunderschöne lutherische Kirche mit prägnanter Architektur, die wunderbar in das Stadtbild passt.
  • St. Marien-Kirche (Peetruse / Maarja): Eine historisch bedeutende Kirche, in der 1869 der erste estnische Liederfeiertag geübt wurde.
  • St. Georgs-Kirche: Die orthodoxe Kirche liegt etwas abseits. Wir standen hier leider vor verschlossener Tür, aber die Architektur von außen war dennoch einen Abstecher wert.

Wir hatten am Nachmittag übrigens richtig Glück: Die orthodoxen Gemeinden veranstalten sonntags nachmittags traditionell ein gemeinsames Essen im Gemeinderaum bzw. der Kirche. Dadurch waren die Türen offen. Auf freundliche Nachfrage durften wir nicht nur einen Blick hineinwerfen, sondern auch ein paar Fotos von den beeindruckenden Innenräumen machen.

Holzhaus-Charme jenseits der Fußgängerzone

Sobald man den unmittelbaren Kern der Altstadt verlässt, zeigt Tartu sein zweites Gesicht: Hier findet man die typischen skandinavisch und baltisch geprägten Holzhäuser. Ganze Straßenzüge sind voll von diesen charakteristischen, meist zweigeschossigen Bauten mit ihren bunten Fassaden und aufwendigen Holzverzierungen. Das lädt ungemein zum Schlendern ein, abseits der üblichen Touristenpfade.

Abschied von Estland: 1.200 Kilometer Richtung Katowice

Tartu ist damit leider schon unsere letzte Station in Estland gewesen. Morgen starten wir den Motor und legen rund 1.200 Kilometer in Richtung Katowice in Polen zurück. Für die letzten zwei Tage unserer Reise haben wir dort noch ein schon länger geplantes Kontrastprogramm eingeplant.

Wir lassen die lange Strecke allerdings ruhig angehen und haben drei reine Fahrtage eingeplant. Das bedeutet für den Blog: Bis Donnerstag wird es vermutlich nicht allzu viel spektakulär Neues geben – maximal ein kurzes Fahrvideo und die eine oder andere Beschreibung der Etappen-Campingplätze. Wir sind jedenfalls selbst gespannt, wohin es uns für die Zwischenübernachtungen verschlagen wird!