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Sturmböen, Schlamm und die hinkende Hauptstadt

Gestern gab es hier Funkstille. Nicht etwa, weil das WLAN gestreikt hätte oder wir von einer Bieberkolonie umzingelt waren – es gab schlichtweg nichts zu berichten.

Das angekündigte Unwetter hat unsere Reiseplanung auf der Insel ordentlich durcheinandergewirbelt. Weil wir wenig Lust hatten, mit dem Gespann bei Orkangeböen von der Küste geweht zu werden, haben wir die Flucht nach vorn angetreten und sind vorzeitig Richtung Tallinn abgereist. Eine vorausschauende Entscheidung: Am späten Nachmittag stellte die Fähre prompt den Betrieb ein, und die Wetterwarnungen für das gesamte Baltikum ploppten im Minutentakt auf.

Tallinn selbst hat zum Glück nur die Ausläufer abbekommen, aber der ergiebige Dauerregen und der stürmische Wind haben unseren Campingplatz heute Morgen in eine gepflegte Schlammlandschaft verwandelt. Wir stehen diesmal Wasserfest.

Hauptquartier „Saunapunkt“: Perfekt für die Anreise in die Hauptstadt

Wir stehen aktuell auf dem kleinen Campingplatz „Saunapunkt“ kurz vor den Toren der Stadt. Die Lage ist ideal für Tallinn-Entdecker: In zehn Minuten spaziert man zum Haltepunkt der Regionalbahn, sitzt 30 Minuten entspannt im Zug und kommt direkt am Hauptbahnhof an – wenn man den so nennen darf.

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Hauptbahnhof 🙂

Tallinn im Schnelldurchlauf: Kleines Land, große Geschichte

Bevor wir losgezogen sind, habe ich mich noch ein wenig eingelesen, um zu verstehen, wo wir da eigentlich gelandet sind:

  • Kompakte Metropole: Tallinn hat rund 450.000 Einwohner. Das klingt erst einmal überschaubar, aber für estnische Verhältnisse ist das gigantisch – hier lebt fast ein Drittel der gesamten Bevölkerung des Landes! Mit einer Fläche von knapp 160 km² lässt sich das meiste im Zentrum entspannt zu Fuß erlaufen.
  • Wer hatte hier eigentlich noch nicht das Sagen? Die Geschichte der Stadt ist ein echtes Schichtmodell. Ursprünglich hieß Tallinn mal Reval. Über die Jahrhunderte reichten sich dänische Könige, der Deutsche Orden, Schweden und das Russische Kaiserreich die Klinke in die Hand. Der Name „Tallinn“ leitet sich übrigens vermutlich von Taani-linn ab, was übersetzt so viel wie „Dänische Burg“ bedeutet. Erst seit dem Ende der Sowjetunion 1991 ist Estland wieder dauerhaft unabhängig.
  • Alt trifft Digital: Tallinn ist die Welthauptstadt der Gegensätze. Auf der einen Seite eine fantastisch erhaltene, mittelalterliche Hansestadt (seit 1997 UNESCO-Weltkulturerbe), auf der anderen Seite das Silicon Valley des Baltikums – schließlich wurde hier unter anderem Skype erfunden.

In der Realität ist die Stadt tatsächlich genial überschaubar. Ein spannender Mix aus ultra-modernen Glasbauten und skandinavisch anmutender Altstadt. Man sieht an jeder Ecke, wie viel Geld und Liebe in die Restauration geflossen sind. Genauso sieht man aber in den Nebenstraßen der Randbezirke, dass hier an einigen Fassaden noch Arbeit für die nächsten zwanzig Jahre wartet.

Warum hinkt Tallinn eigentlich?

Apropos Altstadt: Wusstet ihr eigentlich, warum Tallinn sprichwörtlich hinkt? Das ist kein fieser Nachbarschafts-Gag der Finnen, sondern baulicher Natur. Die beiden historischen Hauptstraßen, die die Oberstadt auf dem Domberg mit der Unterstadt verbinden, heißen tatsächlich Pikk jalg („Langer Bein“) und Lühike jalg („Kurzer Bein“). Wer also durch die Stadt spaziert, läuft unwillkürlich auf einem langen und einem kurzen Bein – ein städtebaulicher Gehfehler mit Charme.

Zwischen KGB-Muff, Sowjet-Kino und Botschafts-Protesten

Wir sind heute den ganzen Tag durch das Zentrum geschlendert. Der Regen hatte zum Glück ein Einsehen und legte eine Pause ein, auch wenn der Himmel den kalten grauen Ton der Ostsee behielt.

Unser Weg führte uns über den beeindruckenden Rathausplatz und durch die angrenzenden Gassen, die vollgepackt sind mit alter Architektur und versteckten Details. Einen beklemmenden Kontrast dazu boten die düsteren KGB-Zellen in der Pagari-Straße – Geschichte hautnah, bei der einem selbst ohne Regen ein kleiner Schauer über den Rücken läuft.

Auf unserer Tour haben wir noch einiges mehr entdeckt:

  • Rotermann-Quartier & Sowjet-Charme: Ein richtig starker Mix aus alten Backstein-Fabriken und moderner Architektur. Gleich ums Eck haben wir das alte Kino Sõprus entdeckt – ein Prachtbau im besten Sozialistischen Realismus. Skurrile Pointe: Direkt unter dem eingemeißelten Sowjetstern im Fenster hängt heute unübersehbar die ukrainische Flagge.
  • Markthallen & Kunst im Raum: Ein Abstecher führte uns zu den quirligen Markthallen am Bahnhof. Überall in der Stadt stolpert man zudem über Skulpturen und Kunstinstallationen.
  • Gegenwart vor der Oper: Direkt vor dem Opernhaus zeigt eine Freiluft-Ausstellung bewegende Bilder aus dem Ukraine-Krieg. Spätestens hier merkt man, wie nah das Geschehen den Menschen in Estland geht – der Konflikt spielt im Alltag der Stadt eine enorm große Rolle.

Den schweißtreibenden Aufstieg zum Domberg haben wir uns für morgen aufgehoben.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist uns die Stimmung rund um die diplomatischen Vertretungen: Fast überall weht neben der jeweiligen Landesflagge ganz selbstverständlich die ukrainische Flagge als Zeichen der Solidarität. Ein völlig anderes Bild bietet sich vor der russischen Botschaft: Die Fassade ist komplett zugestellt mit Protestschildern, Bannern, Kerzen und Blumen, während die Einfahrt rund um die Uhr von der Polizei bewacht werden muss. Geschichte, Politik und Gegenwart treffen in Tallinn auf wenigen Metern extrem spürbar aufeinander.