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Ein rundes Baltikum-Resümee

Das verpasste Finale: Open-Air statt Radiogeschichte

Eigentlich stand für heute noch ein ganz besonderer geschichtlicher Stopp auf unserem Rückweg-Zettel: der Sender Gleiwitz (Radiostacja Gliwice). Für Geschichtsinteressierte ein bemerkenswerter Ort, denn hier täuschte die SS 1939 den fingierten Überfall vor, der als Vorwand für den Beginn des Zweiten Weltkriegs diente. Neben dem kleinen Museum für Rundfunktechnik steht dort das eigentliche Highlight: der mit 111 Metern Höhe vermutlich höchste Holzturm der Welt – komplett ohne Eisennägel erbaut und aus witterungsbeständigem Lerchenholz zusammengeschraubt.

Tja, die Betonung liegt auf eigentlich. Als wir ankamen, rollten wir mitten in die Vorbereitungen für ein riesiges Open-Air-Festival. Das gesamte Gelände war verriegelt, das Museum dicht. Statt historischer Funktechnik gab es also Absperrzäune und Soundchecks. Aber als erfahrene Camper lässt man sich davon nicht die Laune verderben: Wir haben spontan einen Faulenzer-Tag eingelegt, die Beine hochgelegt und ich konnte in Ruhe die letzten Zeilen für den Blog tippen.

Fazit unserer Reise: 4.500 Kilometer Gelassenheit im Gespann

Knapp drei Wochen, mehrere tausend Kilometer Landstraße und Autobahn, zahllose Bohlenwege durchs Moor und ein Gespann, das sich brav durch jede Zeitzone und jedes Wetter manövrieren ließ: Estland hat uns als Reiseland absolut begeistert.

Das Reisen mit Auto und Wohnwagen ist vor Ort herrlich unkompliziert. Die Esten begegnen einem mit einer tiefen, unaufgeregten Gelassenheit, die bereits nach wenigen Tagen ansteckt. Das Land bietet eine fantastische Mischung aus unberührter Natur – wie den endlosen Wäldern und Hochmooren im Soomaa- oder Lahemaa-Nationalpark – und charmanten, geschichtsträchtigen Städten wie Tartu, Pärnu oder Tallinn.

Spannend und überraschend war für uns der deutliche kulturelle und sprachliche Unterschied zwischen dem Westen und dem Nordosten des Landes. Vor allem rund um Narva dominiert die russische Sprache den Alltag komplett. Wer in der Schule noch ein paar Brocken Russisch gelernt hat, kann diese hier bestens ausgraben. Es zauberte den Einheimischen immer wieder ein Schmunzeln ins Gesicht, wenn wir mit ein paar Brocken Sprachkenntnissen aufwarteten oder ohne fremde Hilfe die kyrillische Speisekarte entziffern konnten.

Auch campingtechnisch gibt es nichts zu meckern: Die Campingplätze sind reichlich vorhanden und durchweg in einem guten, oft sogar hervorragenden Zustand – vom nachhaltigen Solar-Platz bis hin zur idyllischen Wiese an der Steilküste.

Das einzige echte Nadelöhr bleibt die lange Anreise über Polen und das Baltikum. Mit den erlaubten 80 km/h zieht sich die Strecke spürbar. Aber die Mühe ist es wert. Morgen stehen dann noch 560 km nach Hause an.

Estland, wir kommen ganz sicher wieder – mal sehen, wann es uns das nächste Mal gen Baltikum zieht!