Heute zeigte sich der baltische Himmel von seiner versöhnlichen Seite. Gegen Mittag blinzelte tatsächlich die Sonne durch die Wolken – der perfekte Moment, um den Toompea zu erobern. Den Domberg. Das historische Machtzentrum von Tallinn, wo auch heute noch das estnische Parlament (Riigikogu) und die Staatskanzlei residieren.
Für den Aufstieg haben wir das „Lange Bein“ (Pikk jalg) gewählt. Wie der Volksmund hier scherzt, humpelt Tallinn schließlich durch die Geschichte. Das lange Bein zieht sich sanft hoch, was den Waden geschmeidig die Anstrengung nimmt.






Zwiebeltürme, Zarenmacht und geordneter Rückzug
Oben angekommen ragt einem sofort die Alexander-Newski-Kathedrale entgegen. Ein gewaltiges, reich verziertes Bauwerk mit Zwiebeltürmen, das zwischen 1894 und 1900 errichtet wurde – damals gehörte Estland noch zum russischen Zarenreich. Der Bau war ein klares politisches Signal zur Russifizierung. Ursprünglich war an genau dieser Stelle übrigens ein Denkmal für Martin Luther vorgesehen, was die zaristischen Behörden jedoch gekonnt zu verhindern wussten. Mit ihren 58 Metern Höhe und der schwersten Glocke Tallinns (stramme 15 Tonnen bzw. 16 Tonnen!) ist die russisch-orthodoxe Hauptkathedrale architektonisch zwar beeindruckend, aber eben auch ein unübersehbares Erbe dieser Epoche.


Etwas versteckter und deutlich zurückhaltender steht weiter oben die lutherische Domkirche St. Marien. Allerdings waren wir auf dem Domberg nicht allein: Massen an Reisegruppen schoben sich durch die engen Gassen und Eingänge. Das dicht gedrängte Ellbogen-Geschiebe in den Kirchen wurde uns schnell zu bunt. Also traten wir den geordneten Rückzug an – diesmal über das „Kurze Bein“. Über steile Stufen ging es ruckzuck wieder hinab in die Unterstadt.








Mikrofone im Aschenbecher: Ein Hauch von Stasi-Romantik
Am Nachmittag wartete ein ganz anderes Highlight auf uns: Eine Führung durch die KGB-Abhörräume im Hotel Viru.
Das Hotel wurde 1972 von finnischen Bauunternehmern errichtet und war zu Sowjetzeiten die erste Adresse für ausländische Touristen. Offiziell hatte das Gebäude genau 22 Stockwerke. Dass der Fahrstuhlknopf für die 23. Etage fehlte, hatte System: Dort oben saß der KGB und hörte fleißig mit. Mindestens 60 Zimmer sowie die Tische im Restaurant waren fest verwanzt.
Als gebürtige Ossis haut einen die Ausrüstung der Genossen zwar nicht aus den Socken – Micro-Löcher in der Wand, getarnte Aschenbecher und Wandschränke voller Funktechnik kennt man aus den Geschichtsbüchern oder der eigenen Vergangenheit nur zu gut. Aber die Führung war trocken, extrem unterhaltsam und mit einer gehörigen Portion estnischem Humor gewürzt. Wenn man sieht, mit welchem bürokratischen Aufwand damals der Alltag ausspioniert wurde, schwankt man zwischen Schmunzeln und Kopfschütteln.




Den Rest des Tages ließen wir entspannt beim Schlendern durch die Pflastergassen ausklingen.



Blinker links gen Osten
Morgen heißt es wieder: Caravan ankoppeln und Abfahrt. Es geht knapp 140 Kilometer gen Osten in Richtung Lahemaa-Nationalpark. Bis zur russischen Grenze fehlen dann zwar immer noch ein paar Kilometer, aber man kommt ihr spürbar näher. Da es ein reiner Fahrtag wird, macht Euch auf eine Funkstille gefasst – wegen absoluter Ereignislosigkeit auf der Landstraße gibt es morgen keinen Bericht.
Bis zum nächsten Halt!
